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11.06.2018

"Meine Eltern haben mich auf die Straße gesetzt"...

Die Zahl der obdachlosen, jungen Erwachsenen steigt. Heute zählen sie ein Drittel der wohnungslosen Menschen, die sich an die Caritas wenden.

Oft ist sie die letzte Rettung, die Notschlafstelle a_way in der Neumayrgasse im 16. Wiener Gemeindebezirk. Und oft sind es akute Krisen, die die jungen Menschen hier – manchmal mitten in der Nacht - anklopfen lassen. Ein zerrüttetes Zuhause, weil sie vor Gewalt fliehen, Suchterkrankungen und folglich der Verlust der Wohnmöglichkeit, Überbelegung bei den Eltern, keinerlei finanzielle Mittel. Die Liste ist lang.

a_way bietet den Jugendlichen nicht nur einen Platz zum Schlafen, sondern zeitgleich auch ein Team von Sozialarbeitern, das ihnen für Fragen zur Seite steht. Hier können sie sich ein paar Tage ausruhen. Gemeinsam wird versucht, einen Weg aus der Krise zu finden, um zu verhindern, dass die Jugendlichen in manifeste Wohnungslosigkeit und soziale Isolation abrutschen.  „Dieses Engagement ist eine wichtige Ergänzung zur Arbeit der Kinder- und Jugendhilfe unserer Stadt. Wesentlich ist, den Jugendlichen und jungen Erwachsenen unterschiedlichste niederschwellige Angebote zu machen, die sie auch annehmen können und wollen“, so Jürgen Czernohorszky, Bildungs- und Integrationsstadtrat.

Über 600 Klienten

Die Zahlen sprechen für sich: Ein Drittel der Klienten, die sich wegen Wohnungslosigkeit an die Caritas wenden, sind heute unter 30 Jahre alt. Tendenz steigend. Im Jahr 2017 haben 603 junge Menschen Angebote von a_way in Anspruch genommen. Davon waren 461 männlich und 142 weiblich. Gerade für junge Frauen sei die Obdachlosigkeit besonders gefährlich, erklärt David Neusteurer, ein sehr engagierter Betreuer der Notschlafstelle. „ Wir versuchen sie rasch frauenspezifischen Einrichtungen und einer Aufarbeitung von Gewaltthemen näherzubringen.“

Neusteurer kannte das a_way bereits, es besteht seit 2005, als es noch am Westbahnhof gelegen war. Mit dem Umzug in die Neumayrgasse konnte das Angebot erweitert werden. Neben einer intensiveren Betreuung der einzelnen Jugendlichen, können - zusätzlich zu den zehn Notquartiersbetten - acht Jugendliche in drei Wohngruppen mit Einzelzimmern bis zu drei Monate nächtigen. Längerfristig soll dadurch eine Stabilisierung der Lebensumstände erreicht werden. Das a_way ist die einzige Notschlafstelle für Jugendliche in Wien und wird aus Fördermitteln der Sucht- und Drogenkoordination Wien (SDW) und der Kinder- und Jugendhilfe (MAG ELF) betrieben. Die Jugendnotschlafstelle erfüllt dabei eine wichtige Funktion im sozialen Netz Wiens: Das besondere Angebot stellt eine Brücke dar, zwischen dem Leben auf der Straße und den Krisenzentren bzw. sozialpädagogischen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, zwischen Suchthilfe, Psychiatrie und stationärer Versorgung sowie zwischen Jugend- und Erwachsenenalter bei kritischen Entwicklungsphasen.

Öffnet Neusteurer einem verzweifelten jungen Menschen die Türe, so wird er sofort mit dem Notwendigsten versorgt. In einem Gespräch wird zunächst das Alter erfragt. „Denn für alle, die unter 18 Jahre alt sind, ist eigentlich das Jugendamt zuständig, diese sind dann oft nur temporär bei uns. Wir haben da ein Fünf-Tage-Fenster, innerhalb dieser Zeit melden wir den Jugendlichen noch nicht offiziell, außer es ist Gefahr in Verzug oder massive Gewalt im Spiel“, sagt Neusteurer. Manchmal reichen diese fünf Tage aus, um eine familiäre Situation wieder zu klären und es zuhause nochmal zu probieren. Oft bringe auch die Polizei Jugendliche vorbei, die sie auf der Straße vorfinden. Sollte es jedoch nötig sein, das Jugendamt aufzusuchen, begleitet Neusteurer die Kids. „Ich sage ihnen dann, dass sie keine Angst zu haben brauchen, beispielsweise ihre Eltern anzuschwärzen. Ich sage ihnen, dass sie nun sicher sind.“

Einer von ihnen ist der heute 19-jährige Peter. Rote Haare, Sommersprossen, tiefe Stimme. „Danke, dass Sie gekommen sind und mir zuhören“, sagt er zu Beginn des Gespräches. Peter ist im Wiener Simmering aufgewachsen. „Meine Obdachlosigkeit kommt von Problemen mit meinen Eltern. Ich habe zwei kleine Schwestern, die mein Zimmer dringender gebraucht haben als ich.“ Es hätte viel Streit mit dem Stiefvater gegeben und die Familie hätte befunden, dass Peter alt genug sei, er könne gehen und überleben. Auf der Couch schlafen durfte er nicht. Also hat er im März 2017 seine Sachen gepackt und ist gegangen. „Meine Eltern haben mich auf die Straße gesetzt. Am Anfang hatte ich kein Handy, gar nichts. Nach einem Aufenthalt im Männerwohnheim in der Wurlitzergasse und einer längeren Zeit auf der Straße, stand Peter schließlich vor dem Betreuer Neusteurer im a_way. „Das ist wirklich super dort. Es gibt Hilfe für die, die es wirklich nötig haben. Jeden Tag frisches Essen, frische Kleidung. Alles gratis. Vor allem den ganz Jungen geht es dort gut, was sollen die denn sonst machen?“

„Ich will später mal viel Geld haben“, sagt Peter ernst. Einen konkreten Plan hat er noch nicht. Zwei Ausbildungen hat er begonnen, Koch und Fitnesstrainer. Beide abgebrochen. Dann hat er auf der Baustelle gearbeitet. „Ich hab überall aber das gleiche gefühlt, dass es eben nicht das Richtige für mich war. Ich suche noch.“ Peter sagt, er muss seinen Weg erst finden, „aber ich bemühe mich wirklich, das müssen Sie mir glauben.“ Seiner Mutter habe er gesagt, dass er einfach noch ein bisschen Zeit braucht. „Die konnte sie mir nicht geben, jetzt muss ich schauen, dass ich das alles alleine hinbekomme.“ In seinem engeren Freundeskreis ist Peter der einzige, der obdachlos ist. Immer wieder bekam er einen Schlafplatz auf der Couch von ihnen angeboten, was ihm sehr geholfen habe.

"Ich brauche Regeln"

Seit kurzem wohnt Peter im JUCA. Das JUCA ist ein Wohnhaus für Jugendliche und junge Erwachsene in Wien Ottakring, betrieben von der Caritas. Für die nächsten sechs Monate darf Peter dort bleiben, danach müsse man weitersehen. „Ich würde schon gerne länger hier wohnen. Ich hab ein Bett, eine Dusche, eine Waschmaschine und es gibt Regeln. Die brauche ich.“ So darf Peter beispielsweise nicht nach 22 Uhr abends ins Wohnhaus kommen. „Das ist gut für mich“, sagt er grinsend.

Die jungen Menschen im JUCA hätten alle ihre eigenen Probleme, sagt Peter. Daher sei man auf einer Welle. „Ich weiß, keinem hier geht es gut. Und Wien ist klein. Viele kenne ich von der Straße, man läuft sich immer wieder über den Weg.“ Auch im Gefängnis seien schon viele gewesen. „Manche sind vollkommen verrückt, komplett kaputt von der Obdachlosigkeit“, erzählt Peter kopfschüttelnd und beschreibt, wie die Betreuer hier jeden Morgen um sieben Uhr die Bewohner aufwecken, „um zu schauen, ob man noch lebt.“

Im JUCA kostet ein Wohnplatz rund 300 Euro im Monat. „Das ist sehr viel für mich, aber ich bekomme das schon irgendwie hin“, sagt der 19-Jährige Bursche motiviert.

Vor zehn Jahren lag das Durchschnittsalter der JUCA-Bewohner noch bei 27 Jahren, heute bei 21. „Das ist eine Wirklichkeit, der wir uns stellen müssen“, sagt Caritas-Generalsekretär Klaus Schwertner.